Seit zehn Jahren Chefarzt
„Es erfüllt mich, wenn ich Patienten helfen kann, ihre Eigenständigkeit zurückzuerlangen“, sagt Mahmood Abo Mostafa. Jemandem, der seinen Arm zuvor kaum anheben konnte, mit einer Operation zu ermöglichen, sich wieder allein zu kämmen, fasziniert den Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie im Evangelischen Krankenhaus Castrop-Rauxel. Heute vor zehn Jahren trat er im EvK, das inzwischen zum EVA Ruhr mit sieben Krankenhausstandorten gehört, seinen Dienst an – und blickt auf ein Jahrzehnt seines Wirkens an der Grutholzallee 21 zurück.
Sein Start am 1. Juli 2016 beginnt ausgerechnet in einem Bürocontainer im Garten des EvK, weil die Zentrale Notaufnahme damals umgebaut wird. Gelassen nimmt er die ungewöhnliche Situation hin – schließlich verbringt der Facharzt für Chirurgie, Unfallchirurgie, spezielle Unfallchirurgie und Notfallmedizin seine Zeit ohnehin viel lieber bei den Patienten als im Büro. Der persönliche Kontakt zu ihnen ist ihm wichtig: von der ersten Sprechstunde über das Gespräch vor dem Eingriff bis zur Visite nach der Operation. Und so wundert es kaum, dass er sich noch gut an beinahe jeden seiner Patienten erinnert. Und das sind in zehn Jahre eine Menge.
Dass er nach Castrop-Rauxel gekommen ist, ist dem Wunsch nach Veränderung seiner Kinder zu verdanken. Der gebürtige Palästinenser, der mit 18 Jahren fürs Studium nach Deutschland gekommen ist, lebt und arbeitet lange Zeit in Süddeutschland. In Erlangen, wo er Deutsch gelernt hat, lernt er seine spätere Frau kennen, mit der er noch während des Studiums an der Uni in Würzburg eine Familie gründet. „Ich habe früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen“, sagt der heute 53-Jährige, der nur wenige Tage nach seinem Examen seine Arzt-Laufbahn im Ortenau Klinikum Achern beginnt. Nach vielen Jahren im eher ruhigen Schwarzwald, in denen er sich sukzessive spezialisiert und zum Oberarzt hocharbeitet, sehnt sich die Familie – Mahmood Abo Mostafa ist inzwischen sechsfacher Vater – nach der Großstadt. Die ist mit Dortmund schnell ausgeguckt. Mehrere Jahre pendelt der Unfallchirurg von dort nach Lüdenscheid zu den Märkischen Kliniken. In dem Krankenhaus der Maximalversorgung mit über 1000 Betten wächst der Oberarzt weiter, übernimmt als solcher bald die Position des Leitenden Oberarztes. Bis Mahmood Abo Mostafa die Fahrerei tagein, tagaus leid ist.
Das EvK Castrop-Rauxel sucht zur gleichen Zeit Verstärkung – und findet sie in ihm. Als Mahmood Abo Mostafa seinen Dienst im EvK antritt, hat er ein Ziel vor Augen: Er möchte hier wachsen, sich weiterentwickeln – und das Leistungsspektrum deutlich erweitern. Zehn Jahre später sprechen die Zahlen für sich: „Die Behandlungsfälle sind um das Fünffache gestiegen, das Behandlungsspektrum hat sich vervierfacht“, sagt der Chefarzt stolz.
Zunächst etabliert er neue Sprechstundenangebote, dann implantiert er die ersten Hüftprothesen. Bald kommen künstliche Kniegelenke dazu. Nach und nach baut er am EvK Castrop-Rauxel die Endoprothetik auf. Als er feststellt, dass in Castrop-Rauxel außergewöhnlich viele Schulterfrakturen versorgt werden müssen, die Schulterprothesen benötigen, bildet er sich fort, um diese Lücke zu schließen. Mit Erfolg: Schon bald implantiert er 60 Schulterendoprothesen im Jahr. „In einem Umkreis von 50 Kilometern gibt es kaum eine Klinik, die mehr Eingriffe dieser Art durchführt“, weiß Mahmood Abo Moastafa. Und er schließt noch eine Lücke: die operative Versorgung von Beckenbrüchen, von denen es ebenfalls auffallend viele in Castrop-Rauxel zu geben scheint. Der Chefarzt bildet sich in mehreren Kursen weiter und etabliert im EvK schließlich einen minimalinvasiven Eingriff, bei dem es ihm über wenige, kleine Schnitten gelingt, den Bruch mit Verschraubungen am Becken zu versorgen.
Das Behandlungsspektrum in der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie wächst beständig weiter. Zum Beispiel um die Hand- und Fußchirurgie, für die sich Mahmood Abo Mostafa weiter spezialisiert. Zusammen mit der Klinik für Geriatrie baut er im EvK das Zentrum für Alterstraumatologie auf, das 2024 zum ersten Mal zertifiziert wird. Das Besondere an diesem Zentrum: Ältere Patienten, die mit einem Bruch ins Krankenhaus kommen, werden von den Unfallchirurgen operativ versorgt und anschließend in die Geriatrie verlegt, um im Rahmen einer frühen Rehamaßnahme die Mobilität wiederzuerlangen.
Längst werden zu diesem Zeitpunkt auch komplizierte Brüche im EvK behandelt – vom Fersenbeinbruch bis zur Schienenbeinkopffraktur hat Abo Mostafa sich in der Region einen Namen gemacht. „Extrem komplexe Frakturen reizen mich besonders“, sagt er. Genauer gesagt das Ergebnis: „Die Wiederherstellung der Anatomie fasziniert mich.“ Genau diese Faszination hat schon früh den Wunsch in ihm geweckt, Unfallchirurg zu werden. Mahmood Abo Mostafa ist im Gazastreifen in Kriegszuständen groß geworden. „Ich habe viele schlimme Verletzungen gesehen, die nicht angemessen versorgt wurden. Das wollte ich ändern“, erinnert sich der sechsfache Vater. Das ist ihm mehr als gelungen.
Patientenbegleitetes Operieren:
Im Zuge der Krankenhausplanung wurden elektive Knie- und Hüftprothesen im vergangenen Jahr nach Witten verlagert. Auf ihren vertrauten Operateur brauchen Patientinnen und Patienten aus Castrop-Rauxel dennoch nicht verzichten: Mahmood Abo Mostafa operiert mit seinem kompletten OP-Team im EvK Witten, das wie das EvK Castrop-Rauxel zum EVA Ruhr gehört. Die Sprechstunde im Vorfeld können Patienten in Castrop-Rauxel wahrnehmen. Das Anästhesiegespräch, die OP sowie die stationäre Versorgung erfolgen dann in Witten, ehe die Patienten zur Anschlussversorgung wieder nach Castrop-Rauxel kommen.